Welterbe Dresden - wohin gehst DU?

von Michael Winkler, 4. Juli 2008

Der Wikipedia-Artikel zum Thema „Dresdner Brückenstreit“ enthält momentan reichlich 16.000 Wörter und dürfte damit wohl zu einem der umfangreichsten der Online-Enzyklopädie zählen. Die Dresdner schreiben offenbar auf ihre eigene Art und Weise Geschichte.

Quebec hat getagt. Jeder interessierte Dresdner kennt nun die Entscheidung der UNESCO-Welterbe-Kommission. Es ist wohl eine sehr weise Entscheidung gewesen, Dresden beides zu belassen: den Welterbetitel und die Entscheidung, wie damit umzugehen. Das Elbtal bleibt einerseits auf der Welterbeliste und andererseits kann sich Dresden nun im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Weiterbau der Brücke den Titel selbst abgraben. Ob es sich damit langfristig auch das eigene Wasser selbst abgräbt, kann momentan niemand mit Bestimmtheit sagen.

Die designierte Oberbürgermeisterin Dresdens, Helma Orosz (CDU), kritisierte den Quebecer Beschluss erwartungsgemäß. Was hätte sie auch sonst tun sollen? Noch Anfang Mai 2008 leuchtete dem MorgenPost-lesenden Dresdner ein Artikel mit der Überschrift «Orosz: Schneller Brückenbau bringt Dresden den Frieden» ins Auge (MoPo-DD, 7.5.2008, S. 5). Schon Georg Milbradt (CDU), der mittlerweile ehemalige Ministerpräsident Sachsens, soll im November 2007 nach der Entscheidung des Bautzener Oberverwaltungsgerichtes, dass der Bürgerentscheid vom Februar 2005 zu Gunsten der Brücke durchgesetzt werden muss, gemeint haben: «Ich hoffe, dass jetzt insgesamt wieder Frieden einkehrt.» Er sprach von einem «friedenstiftenden Signal». „König Georg“ ging dann ein halbes Jahr später auch recht friedlich.

Es ist so eine Sache mit dem Frieden. Die meisten verbinden mit diesem Wort wohl eher „Ruhe haben“. Diese kann bekanntlich auch recht trügerisch sein. Vielleicht braucht Dresden genau diese verbalen globalen Auseinandersetzungen, um von der dörflichen Weltstadt zum globalen Dorf zu werden? Apropos, „global“. Vielleicht informiert Friedensbotschafterin Helma Orosz die Brückenbefürworter demnächst auch davon, dass diverse Rohstoffpreise innerhalb eines Jahres um fast 100% gestiegen sind, u.a. Stahl. Insbesondere die sog. BRIC-Staaten schlafen nicht. Mittlerweile spielt es eben doch eine Rolle, wenn in China der sprichwörtliche Sack Reis umfällt. Ein Ende der Preisanstiege jedenfalls ist kaum in Sicht, höchstens das der Rohstoffvorkommen.

Sehr gut vorstellbar, dass der neue König Sachsens, „König Stanislaw“, und die Gräfin Dresdens, „Gräfin Helma“, am Brückenbau festhalten werden und nächstes Jahr vor einem halbfertigen Bauwerk stehen; vielleicht sogar in der „naturkatastrophischen“ Atmosphäre eines Frühjahrs­­hochwassers. Dann hätte Dresden wenigstens ein neues Friedens­denk­mal und Teile der ehemaligen Gegner des Aufbaus der Frauenkirche ein neues Domizil. Dort könnte sie sich dann auch mit denjenigen Natur­freunden treffen, die den Verlust eines Großteils der Elbauen bedauern. Und schließlich kämen dann noch die Dresdner hinzu, die traurig sind, dass soviel Geld umsonst ausgegeben worden ist. Den Anfang für dieses Treffen von wahrscheinlich ungefähr 500.000 DresdnerInnen machten Anfang Juni übrigens die Campingfreunde des Paradies-Experiments. Damit sich die verbalen Auseinandersetzungen friedlich und versöhnlich auflösen können, wäre vielleicht ebenso ein vorausschauender Blick ins indische Mumbai (früher Bombay) ganz hilfreich. Dort treffen sich früh morgens einige Hunderte oder Tausende Menschen in öffentlichen Parks und üben sich zusammen im Lach-Yoga.

In diesem Sinne, ganz gleich, was innerhalb der nächsten 12 Monate in Dresden auch passieren wird: Humor sollte unser steter Begleiter werden.

Fotos: M. Winkler,
Elbtal am Waldschlösschen,
2. Juli 2008


Ein paar "dichte" Gedanken zum Thema befinden sich auch unter "Waldschlösschenbrücke vs. Welterbe".